Wir waren angekommen im Zillertal. Herr Troppmair packte mit kräftigen Händen an und verstaute unser schweres Gepäck auf dem Anhänger. Anschließend kletterten die Männer hinterher, während unser Gastgeber aufmerksam den beiden Damen hinaufverhalf. Für Manfred und mich hielt der Beginn der Fahrt jedoch die allergrößte Überraschung bereit: Wir durften ganz vorne auf dem Traktor mitfahren! Zunächst quetschten wir uns gemeinsam auf die kleine Sitzfläche über dem Kotflügel, doch wenig später durften wir abwechselnd auf den Schoß von Herrn Troppmair klettern und mit beiden Händen das große Lenkrad umfassen, um den Traktor selbst zu lenken. Herr Troppmair hatte ein Herz für Kinder und las uns jeden Wunsch von den Augen ab. Für uns war dieser knallrote Steyr etwas völlig anderes als der kleine, so beliebte rote Trecker auf dem Kirmeskarussell in der Heimat, der sich doch immer nur im Kreis gedreht hatte – dieser hier brummte echt und steuerte direkt hinein ins Abenteuer.
Die Fahrt führte uns nach Laimach, einen beschaulichen Ortsteil zwischen Hippach und Zell an der Ziller. Der Tuxerhof der Familie Troppmair war ein mächtiges Anwesen im typischen Baustil der Region. Das Haus lag ein Stück weit zurückgesetzt von der Straße, die hier noch ein schlichter Schotterweg war. Es roch herzlich nach Vieh, und gackernde Hühner belebten die Einfahrt – völlig unbeeindruckt vom knatternden Steyr und uns, den neuen Gästen. Vor dem Gebäude stand eine große, aus Stein gemauerte Viehtränke mit einem stetig plätschernden Wasserspender, und rund um den Hof erstreckten sich prächtige Obstbäume.
Dort angekommen, steuerte Herr Troppmair das Gespann zielsicher vor das Haus. Alle stiegen ab, und während die Männer das Gepäck abluden, trat die Bäuerin Elisabeth Troppmair in die Tür. Mit einem strahlenden Lächeln ging sie auf uns zu und hieß ihre Gäste mit herzlichen Worten für die kommenden zwei Wochen willkommen. Hinter ihr im Türrahmen stand noch ein Junge – etwas jünger als Manfred und ich –, der jedoch, kaum dass wir ihn erblickt hatten, wieder schüchtern im Haus verschwand.
Nach der freundlichen Begrüßung führte Frau Troppmair meine Eltern und mich über eine knarrende Holztreppe hinauf in unser Zimmer im ersten Stock. Es war ein schlichtes, aber urgemütliches Reich mit allem, was man brauchte: ein schweres Doppelbett für die Eltern, eine kleine Liege für mich – bezogen mit frisch duftender Wäsche wie im Märchen –, ein zweitüriger Kleiderschrank im Tiroler Stil und eine Kommode. Darauf thronte eine Waschkombination aus Porzellan mit zartem Blumenmuster: eine große Schüssel und eine dazugehörige, mit frischem Quellwasser gefüllte Kanne. Das sollte für die nächsten vierzehn Tage unsere tägliche Waschgelegenheit sein.
Der Blick aus dem Fenster war atemberaubend und öffnete sich weit über die Obstwiese des Hofes, die saftig grünen Weiden und die rauschende Ziller bis hinauf zu den mächtigen Gipfeln der Zillertaler Alpen. Hier war kein schwerer Qualm aus den Schloten großer Industrieanlagen zu sehen, kein Ruß bedeckte die Fensterbänke, und kein Gestank chemischer Produktion lag in der Luft.
Eine ganz eigene Entdeckung wartete jedoch auf dem Flur: Die Toilette befand sich draußen auf dem Balkon – verborgen hinter einer Holztür mit dem klassisch ausgesägten Herzchen. Es war ein einfaches Plumpsklo. Hier wohnten die Fliegen und begrüßten jeden Besucher mit hektischem Flügelschlag und lautem Summen. An einem Nagel in der Holzwand hingen akkurat aus alten Zeitungen gerissene Blätter, die als Toilettenpapier dienten. Doch noch ganz unter dem tiefen Eindruck der überwältigenden Herzlichkeit der Familie Troppmair und der aufregenden Treckerfahrt war mir klar: Das hatte absolut nichts Schlechtes zu bedeuten, es war eben nur ein wenig gewöhnungsbedürftig. Und Manfred und seinen Eltern erging es im Nachbarzimmer nicht anders.
Nachdem die Koffer abgestellt, ausgepackt und die Kleidungsstücke in die gut duftenden Holzschränke und Schubladen eingeräumt waren, hatten wir uns vollends eingerichtet – und der erste Ausflug ließ nicht lange auf sich warten.
Herr Troppmair lud uns alle auf ein Getränk in den nahe gelegenen Gasthof „Hubertus“ ein, der von seinem Bruder Georg geführt wurde. Während für die Erwachsenen zur Begrüßung wohl ein zünftiger Enzian aus den Tiroler Bergen eingeschenkt wurde, bekamen wir Kinder einen herrlich frischen Obstsaft serviert. Drinnen saßen die Großen gemütlich beisammen und tauchten rasch in tiefe Gespräche ein – es ging um Tirol und seine Leut’, das Zillertal, die rauschende Ziller, die hoch gelegenen Almen, die bunten Trachten und die Musikanten der Region.

Manfred und mich hielt es derweil nicht lange auf den Holzstühlen. Wir nutzten die Gelegenheit und machten uns auf, den Gasthof von außen und seine nähere Umgebung auf eigene Faust zu erkunden. Dabei blieb das erste kleine Malheur der Ferien nicht lange aus: An einem stacheligen Weidezaun fing ich mir prompt die ersten blutenden Schrammen am Bein ein. Als wir wieder in die Gaststube gingen, nahm sich Herr Troppmair der Sache sofort mit Tiroler Pragmatismus an. Er holte kurzerhand das Glas mit dem hochprozentigen Enzian herbei und betupfte meine Wunde fürsorglich zur Desinfektion. Es brannte zwar kurz wie Feuer, aber ich war zutiefst beeindruckt von dieser ganz eigenen, handfesten Art der Ersten Hilfe – und fühlte mich auf einen Schlag endgültig in den Bergen aufgenommen.
Nach all den überwältigenden Eindrücken – von der langen Fahrt mit der Bahn, dem Staunen in der Zillertalbahn und dem Knattern des Traktors bis hin zu unserem neuen Zimmer und dem Einkehren im Gasthof – zog mich die erste Nacht rasch in einen tiefen, ruhigen und wunderbar erholsamen Schlaf. Ich schlummerte durch, bis mich am nächsten Morgen die Tiere des Hofes mit ihren vertrauten Lauten behutsam weckten – bereit für die nächsten großen Abenteuer in den Tiroler Alpen.
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