Über das Buch

Dieses Buch ist meine persönliche Reise zurück in die 1950er-Jahre – zurück in jene Zeit, in der ich in Xanten und der Eisenbahnsiedlung aufgewachsen bin.

Wenn ich heute an diese Jahre zurückdenke, sind es nicht die großen historischen Ereignisse, die zuerst vor meinem inneren Auge auftauchen. Es sind vielmehr die vermeintlich kleinen Dinge, die tief im Gedächtnis verankert geblieben sind: die vertrauten Straßen und Häuser, der Bahnhof mit seinen charakteristischen Gerüchen und Geräuschen, die Menschen meiner Kindheit und jene alltäglichen Erlebnisse, die mir damals als das Selbstverständlichste der Welt erschienen.

Heute, viele Jahrzehnte später, haben sich viele dieser Orte tiefgreifend verändert oder sind ganz verschwunden. Manche Häuser stehen nicht mehr, manche Wege verlaufen anders, und vieles aus meinem damaligen Alltag wirkt in der heutigen Zeit beinahe undenkbar. Gerade deshalb drängte es mich dazu, diese Erinnerungen aufzuschreiben, bevor die Bilder der Vergangenheit vollends verblassen.

Ich wurde in eine Epoche hineingeboren, in der die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs noch allgegenwärtig waren. Sie zeigten sich nicht nur in beschädigten Gebäuden oder Narben im Straßenbild, sondern prägten auch das Wesen und das Verhalten vieler Menschen im Ort. Doch während der Wiederaufbau Schritt für Schritt voranschritt und das gewohnte Leben allmählich einkehrte, entstand für uns Kinder dennoch eine ganz eigene, geschützte Welt.

Aus der Perspektive eines Kindes nimmt man diese Umgebung naturgemäß völlig anders wahr als die Erwachsenen. So war der Bahnhof für mich nicht bloß ein nüchterner Verkehrsknotenpunkt, sondern ein magischer, lebendiger Ort voller Bewegung und Geheimnisse. Ich möchte all dies keineswegs aus heutiger Sicht bewerten oder nachträglich über meine Kindheit urteilen. Vielmehr geht es mir darum, schlicht und ehrlich zu erzählen, wie ich die Welt damals mit meinen eigenen Augen erlebt habe: Was habe ich gesehen und wo war ich unterwegs? Was hat mich tief beeindruckt, was hat mir Freude geschenkt – und wovor hatte ich vielleicht Angst? An welche scheinbar beiläufigen Details erinnere ich mich noch heute? Genau diesen Spuren folge ich in den einzelnen Geschichten.

Dabei bin ich mir bewusst, dass Erinnerungen nach so vielen Jahrzehnten selten absolut exakt sind. Oft ist es nur ein plötzliches Bild, ein vertrautes Geräusch oder ein bestimmter Geruch, der eine längst vergangene Situation unerwartet wieder lebendig werden lässt. Um mein eigenes Gedächtnis zu schärfen, habe ich meine persönlichen Erlebnisse mit behutsamer Nachforschung verbunden: Ich habe alte Landkarten studiert, in historischen Dokumenten gestöbert und vergilbte Fotografien von damals mit dem heutigen Zustand verglichen. Auf diese Weise trifft das individuelle Erinnern auf die Spurensuche in der Geschichte. Und dennoch bleibt das Herzstück dieses Buches stets meine ganz eigene, subjektive Sicht auf die vergangenen Tage.

In „Der liebe Jung“ geht es folglich nicht um außergewöhnliche Heldentaten, sondern um das echte, unverfälschte Leben: um eine Fahrt mit der Eisenbahn, ein Versteckspiel in der Siedlung, eine flüchtige Begegnung am Wegesrand oder geborgene Momente im Kreis der Familie. Es sind exakt diese kleinen Mosaiksteine, die das Fundament meiner Kindheit bilden.

Ich schreibe diese Zeilen letztlich auch gegen das unvermeidliche Vergessen an. Denn die Schauplätze verändern sich, Weggefährten werden weniger und auch die eigene Erinnerung verliert mit den Jahren an Schärfe. Was ich festhalten möchte, ist das Gefühl jener Tage. Vielleicht erkennen Sie beim Lesen den einen oder anderen Ort wieder, erinnern sich an Ihre eigene Jugend oder stoßen auf Ihnen vertraute Namen.

So schlägt „Der liebe Jung“ schließlich eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart – zwischen dem Jungen, der ich einst war, und dem Erwachsenen, der heute voller Dankbarkeit auf jene Zeit zurückblickt. Zwischen diesen beiden Perspektiven liegt ein ganzes Leben.

Der liebe Jung – das bin ich. Und dies ist meine Geschichte.