Der Feiertag war vorüber, und mit ihm wich die erste, atemlose Aufregung der Geburt. Nun begann der Alltag in unserer kleinen Dachgeschosswohnung – unserem „Taubenschlag“, wie die Nachbarn das lebhafte Reich unter den Schrägen tauften. Erinnern kann ich mich an diese ersten Tage meines Lebens natürlich nicht; ich habe wohl das meiste einfach verschlafen. Aber genau so muss es gewesen sein:
Wenn im April die Frühlingssonne auf das Ziegeldach schien, wurde es im Raum rasch warm; zog nachts jedoch der Frost an, kroch die Kälte ungehindert durch die Ritzen der dünn isolierten Holzwände. In diesem engen Kosmos aus Dachschrägen, dem Geruch von Bohnerwachs, Kamillentee und frisch gewaschenen Windeln richteten wir uns zu dritt ein. Die Rollen waren so klar verteilt, wie es die Zeit vorgab – auch wenn die Beengtheit ständige Improvisation forderte.
Meine Mutter war das emotionale und logistische Zentrum dieser neuen Welt. Obwohl noch geschwächt von den Strapazen, gab es für sie kaum Pausen, und ihr Radius beschränkte sich fast gänzlich auf das Bett und den Herd. Mein Vater steckte derweil im permanenten Spagat. Seine Dienststelle als angehender Lokführer lag im fernen Kleve. Der unerbittliche Schichtdienst und die unregelmäßigen Arbeitszeiten bedeuteten, dass nicht die Uhr an der Wand, sondern der Fahrplan der Bundesbahn den Takt seines Lebens – und nun auch den unserer kleinen Familie – bestimmte.
Oft kam er mitten in der Nacht von einer anstrengenden Fahrt auf der Dampflok nach Hause, schmutzig von Ruß und Kohlenstaub. Doch trotz der Erschöpfung wurde er nach der Heimkehr sofort zum unermüdlichen Helfer: Er schleppte noch rasch den schweren Kohleeimer die steilen Stufen hinauf oder wiegte das unruhige Bündel in den frühen Morgenstunden, bevor er sich für wenige Stunden aufs Ohr legen konnte, bis das nächste Signal ihn wieder zum Dienst rief.
In den Stunden seiner Abwesenheit fing uns das enge Netz der Verwandten und Nachbarn auf. Zweimal am Tag knarrten die Dielen im Flur unter den schweren Schritten unserer Hebamme – einer resoluten Frau im grauen Kleid, die nach Kernseife und Mut gewordener Lebenserfahrung roch. Sie kontrollierte meinen Nabel, wickelte mich mit geübten, fast schon rituellen Griffen und gab der jungen Mutter unbezahlbare Ratschläge.
Doch die wahre Rettung im Alltag war die Nachbarschaft. Die Freundin meiner Mutter von schräg gegenüber steckte regelmäßig den Kopf durch die Tür. Mal brachte sie eine kräftigende Hühnersuppe, mal nahm sie einen Korb voll schmutziger Wäsche mit hinunter in ihren Waschkeller. Auch die Verwandtschaft – Eltern und Geschwister – brachte keine teuren Geschenke, sondern das, was wirklich zählte: Einmachgläser, ein Stück Speck und kostbare Ratschläge aus dem eigenen Erfahrungsschatz.
Diese tatkräftige Unterstützung war bitter nötig, denn die Haushaltung mit bescheidenen Mitteln forderte jeden Tag vollen Einsatz. Die größte Herausforderung auf so engem Raum war die Hygiene. Fließendes warmes Wasser gab es nicht. Für jedes Bad des Neugeborenen musste Vater zunächst Wasser im Wasserschiff des gusseisernen Herdes erhitzen. Das Kind wurde in einer kleinen Zinkwanne direkt auf dem Küchentisch gewaschen – peinlich genau darauf bedacht, dass kein Luftzug durch die Ritzen der Dachfenster drang.
Die Stoffwindeln – Wegwerfwindeln gab es damals nicht – wurden im großen Topf ausgekocht, auf dem Dachboden aufgehängt und anschließend mit dem schweren Eisen glattgebügelt, um auch die letzten Keime abzutöten. Beim Thema Nahrung gab es ebenfalls kein Vertun: Das Stillen war die Lebensversicherung des Kindes. Da die Milch meiner Mutter anfangs nur zögerlich floss, braute die Hebamme einen kräftigenden Stilltee aus Fenchel und Anis. Für den Notfall stand eine Packung „Humana“– Milchpulver im Regal – ein teurer Luxus, den man sich mühsam vom Munde abgespart hatte, der aber Sicherheit gab, falls die Natur versagte.
Genauso pragmatisch und liebevoll wie die Verpflegung war die Einrichtung für den neuen Erdenbürger gestaltet; ein eigenes Kinderzimmer gab es schließlich nicht. Als erstes Bettchen diente ein einfacher, stabiler Wäschekorb, den meine Mutter mit ihren Schwestern schon vor der Geburt sorgfältig mit weichem Stoff ausgeschlagen hatte, damit kein raues Weidengeflecht die zarte Haut verletzen konnte. Ausgestattet mit einem kleinen Kissen und weichen Moltontüchern bot dieses provisorische, aber gemütliche Nest sicheren Schutz vor der nächtlichen Kälte.
Die Kleidung war ein Sammelsurium aus abgelegten Stücken: handgestrickte Jäckchen aus rauer Schafwolle, die zwar kratzten, aber wärmten, und weiße Hemdchen, die so oft gewaschen worden waren, dass sie hauchdünn auf der Haut lagen.
Das Prunkstück unseres neuen Lebens stand jedoch im engen Hausflur: der Kinderwagen. Es war ein wunderbar erhaltener, kleiner Stuben- und Promenadenwagen, dessen hoher Korb kunstvoll aus hellem Peddigrohr geflochten war. Mit seiner geschwungenen Haube, dem zierlichen Metallgestell und den zeittypischen, kleinen Gummirädern unter den wuchtigen, verchromten Kotflügeln wirkte er wie ein kleines Kunstwerk auf Rädern. Er passte wegen seiner kompakten Maße gerade so eben in die schmale Nische unter der Treppe. Wenn die Mutter mich an den ersten milden Apriltagen zum ersten Mal durch die Straßen schob – gebettet unter einer hellen Decke mit Rüschenrand –, war dieser Korbwagen kein reines Transportmittel. Er war das sichtbare Symbol dafür, dass Gemütlichkeit und ein feines Lebensgefühl nach den harten Jahren endlich wieder einkehrten.
Doch während draußen die ersten echten Frühlingstage Einzug hielten und der Alltag im Taubenschlag sich langsam einspielte, kündigte sich hinter den Kulissen bereits das nächste große Ereignis an. Noch war ich schließlich ein Säugling ohne offiziellen Namen.
Welcher Großvater durfte Pate stehen? Wie viel Tradition musste sein, und wie würde die katholische Kirche auf die Wahl reagieren? Die Namensfindung entwickelte sich rasch zur Zerreißprobe zwischen familiärem Stolz und der Wunsch nach Eigenständigkeit. Über all dem schwebte zudem die unbequeme Frage: Wie richtet man ein großes Fest für die Verwandtschaft aus, wenn der Vater am Montagmorgen im Morgengrauen schon wieder pünktlich auf der Lok sitzen muss?
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