#3 Schienen zum Glück

Als am Nachmittag der erste große Ansturm der Gratulanten nachließ und in der kleinen Dachgeschosswohnung für einen Moment wieder eine tiefe Stille einkehrte, standen die frischgebackenen Eltern unter den Schrägen ihres kleinen Reichs. Draußen füllte der Klang der Domglocken die Straßen von Xanten, drinnen lächelten Addy und Franz voller Liebe ihr neugeborenes Kind an. In diesem ruhigen Augenblick blickten sie zurück und erinnerten sich dankbar daran, wie sie in jener entbehrungsreichen Zeit überhaupt erst zueinander gefunden hatten.

Der Schauplatz ihres Kennenlernens war die tägliche Pendelstrecke zwischen Xanten und Kleve gewesen. Franz, ein strebsamer junger Mann, hatte seine Ausbildungsstelle bei der Bundesbahn in Kleve angetreten. Tag für Tag saß er in den Waggons, die ihn zu den rauchenden Dampfloks und den harten Schichten seines Lehrbetriebs brachten. Auf derselben Strecke war auch Addy unterwegs. Sie arbeitete als Näherin bei der bekannten Firma Elefanten-Schuhe in Kleve, wo sie mit geschickten Händen das zähe Leder für die Kinderschuhe der Wirtschaftswunderjahre in Form brachte.

Man traf sich auf dem Bahnsteig, stieg in dieselben Züge, später in dieselben Abteile, und es kam, wie es kommen musste: Erst waren es flüchtige Blicke über die hochgeschlagenen Mantelkragen hinweg, dann ein erstes schüchternes Lächeln im Takt der ratternden Schienen. Schon bald suchten sie gezielt nacheinander, saßen in der Bahn zusammen und verliehen den langen Fahrten eine ganz neue Leichtigkeit. Aus den ersten vorsichtigen Worten wurden tiefe Gespräche, und je besser sie sich kennenlernten, desto mehr verschmolzen ihre spärlichen Freizeitstunden zu gemeinsamen Momenten. Sie gingen zusammen auf die Kirmes, besuchten das Schützenfest der St.-Viktor-Bruderschaft mit seinen ausgelassenen Tanzabenden, spazierten durch die niederrheinische Landschaft, teilten ihre Sorgen und begannen fest an eine gemeinsame Zukunft zu glauben.

Dabei war das Leben für beide damals alles andere als einfach; es war geprägt von Entbehrungen und Pflichten, die auf ihren jungen Schultern lasteten. Addy hatte bereits mit 14 Jahren ihren Vater verloren. Für sie bedeutete der Alltag nicht nur die anstrengende Akkordarbeit als Näherin in Kleve, sondern auch die unbarmherzige Pflicht zu Hause. Nach der Heimkehr wartete die Mutter, der sie bei der Versorgung und Erziehung der vier jüngeren Geschwister unter die Arme greifen musste. Das Geld war in der großen Familie chronisch knapp, die Sorge um das tägliche Brot oft erdrückend.

Auch Franz wusste, was harte Arbeit bedeutete. Wenn seine Schichten und die Ausbildung im fernen Kleve nach langen Stunden endlich getan waren, war für ihn noch lange nicht Feierabend. In seiner eigenen Familie wurde jede helfende Hand gebraucht: Franz packte ohne zu zögern beim kräftezehrenden Hausbau mit an, schleppte Steine, mischte Mörtel und schuftete bis in die späten Abendstunden.

Es war eine Zeit, in der man sich das Glück nicht einfach kaufen konnte – man musste es sich im wahrsten Sinne des Wortes erarbeiten. Doch zwischen den Sorgen des Alltags, den staubigen Baustellen und den ratternden Zügen der Bundesbahn wuchs ein Band, das allen Widerständen trotzte. Es war der feste Glaube an eine gemeinsame Zukunft, der sie durchhalten ließ – ein Traum, der genau hier und heute, unterm Dach ihres kleinen „Taubenschlags“, in den Kissen des weichen Wäschekorbs vor ihnen lag.

***

[← Vorheriges Kapitel] | [Inhaltsverzeichnis] | [Nächstes Kapitel →]

***

Ihre Erinnerungen sind willkommen

Diese Geschichte lebt vom gemeinsamen Austausch. Ich lade Sie herzlich ein, die Kommentarbox unten zu nutzen: Ob ein kleiner Gruß, eigene Erinnerungen an damals oder ein kurzer Impuls – ich freue mich über jeden Beitrag! (Hinweis: Um Spam zu vermeiden, schalte ich neue Kommentare vor der Veröffentlichung kurz persönlich frei.)

Schreibe einen Kommentar