#2 Ein volles Dachgeschoss

Die Freude in der kleinen Küche war grenzenlos. Wo eben noch angespannte Erwartung geherrscht hatte, breitete sich nun eine tiefe, warme Erleichterung aus. Alles war gut gegangen. Die Hebamme packte zufrieden ihre Taschen, der junge Lokführer stand mit feuchten Augen da, und meine Mutter hielt erschöpft, aber glücklich ihr erstes Kind im Arm. Sie war eine junge Frau von 25 Jahren, im August 1927 in Xanten geboren – meine Mutter Addy. An ihrer Seite stand mein Vater Franz, noch nicht ganz 23 Jahre alt, geboren im Mai 1930 in Düsseldorf. Gemeinsam blickten sie auf das kleine Wunder in ihren Händen, das ihr Leben für immer verändern sollte.

Und als hätte die altehrwürdige Domstadt nur auf diesen Moment gewartet, begannen draußen die Glocken des Xantener Doms zu läuten. Ihr Klang schwang über die Dächer der Stadt und rief die Gläubigen zum feierlichen Hochamt. In der Euphorie dieses Ostermontagmorgens kam es den frischgebackenen Eltern unter dem Dach jedoch fast so vor, als würden die Glocken nur für dieses eine, winzige neue Leben läuten.

Dabei blickte die Welt an diesem Osterfest 1953 so bang und hoffnungsvoll in die Zukunft wie selten zuvor. Es war das erste Ostern nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im März desselben Jahres. Ein Aufatmen ging durch die Kontinente, das Eis des Kalten Krieges schien für einen Moment brüchig zu werden, und die Weltöffentlichkeit lauschte besonders aufmerksam auf die Worte, die in diesen Stunden aus dem Vatikan kamen. Während sich in der kleinen Xantener Küche alles um das Neugeborene drehte, meldeten die Nachrichtenagenturen die Osterbotschaft Urbi et Orbi von Papst Pius XII. Er rief eindringlich zu einem „echten und dauerhaften Frieden“ auf und nahm direkten Bezug auf die jüngsten politischen Signale aus Moskau sowie die zähen Verhandlungen im fernen Korea. Frieden, so betonte das Kirchenoberhaupt, dürfe nicht auf taktischen Manövern basieren, sondern auf Gerechtigkeit und Menschenrechten.

Mit dem Glockenschlag erwachte auch das Leben in den Straßen von Xanten. In einer Kleinstadt der Fünfzigerjahre brauchte man weder ein Telefon noch lange Briefe, um eine gute Nachricht zu verbreiten; die örtliche Flüsterpost funktionierte schneller als jeder Telegraf. Es dauerte nicht lange, da hatte die Botschaft von der Geburt des kleinen Jungen die Verwandtschaft erreicht.

Auf mütterlicher Seite war das Oma Anna. Der Großvater Wilhelm war Jahre zuvor gestorben. Sie lebte zusammen mit ihren anderen Kindern Willy, Käthi, Gertrud und dem jüngsten Spross Gerd in der Bahnhofstraße. Genau dort, wo heute der kühle Zweckbau einer Bank steht, lag damals ihr Zuhause in der obersten Etage eines Mehrfamilienhauses, direkt gegenüber der alten Molkerei. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie schnell an diesem Morgen der Muckefuck getrunken, die Sonntagskleidung glattgezogen und der Aufbruch befohlen wurde.

Nahezu zeitgleich machte die fröhliche Nachricht auch auf dem Holzweg die Runde. Dort wohnten meine Großeltern väterlicherseits, Auguste und Fritz, zusammen mit Gisela und Herbert. Die älteste Tochter Marianne war bereits in Osterath verheiratet. Der Jubel kannte keine Grenzen. Ein Enkel! Ein Neffe! Der Erste seiner Art in der Familie.

Die Besuche der Gratulanten ließen dementsprechend nicht lange auf sich warten. Schon bald glich das bescheidene Haus am Erprather Weg einem Taubenschlag. Es wurde noch enger unter den niedrigen Dachschrägen. Die kleine Küche, in der ich wenige Stunden zuvor das Licht der Welt erblickt hatte, platzte schlichtweg aus allen Nähten. Es gab nicht annähernd genug Stühle oder Platz, und so mussten sich die Familien abwechseln. Während die einen sich über das provisorische Bettchen beugten und das kleine Bündel Mensch ehrfürchtig bewunderten, warteten die anderen draußen oder auf der schmalen Treppe. Man lachte, flüsterte, gratulierte und reichte sich die Klinke in die Hand.

Für mich war das der Auftakt zu einer paradiesischen Zeit. Ich war der erste Enkel, der allererste Neffe. Für die nächsten paar Jahre war ich die unangefochtene Nummer eins, der ungeteilte Stolz beider Familien. Jeder bewundernde Blick, jede besondere Aufmerksamkeit und später jedes heimlich zugesteckte Stück Schokolade – alles flog mir zu.

Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis ich meinen Logenplatz teilen musste und die große Verwandtschaft weiter wuchs. Erst Jahre später füllte sich unsere Generation nach und nach mit Leben, als schließlich Ursula, Vera, Marion, Paul, Michaela, Ute und Dirk folgten und aus uns Kindern einen großen, lauten und bunten Haufen machten.

Doch in jenen ersten Jahren genoss ich das ungeteilte Privileg der vollen familiären Zuneigung. Behütet, bestaunt und geliebt – und genau so wurde ich für alle Tanten, Onkel und Großeltern einfach und für immer: der liebe Jung.

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